Ein Motorradtest. Eine Reise durch Österreich, Südtirol, Italien. Zwei Blickwinkel. Während Gery die Moto Guzzi Stelvio auf Herz und Nieren testet, erzähle ich von den Menschen, den Orten und den kleinen Erlebnissen entlang der Strecke. Servus bei den ersten „Geschichten einer Sozia“.
Eigentlich war die Rollenverteilung klar. Gery kümmert sich um die Moto Guzzi Stelvio. Ich sammle Geschichten. Dass am Ende eine Tankstelle, eine Gewitterzelle, zwei Hotelhunde und eine Harley-Davidson-Pizza fast genauso viel Aufmerksamkeit bekommen wie das Motorrad, hat zu diesem Zeitpunkt noch niemand geahnt.

Die Sozia & der Fahrer
Erster Stopp mit Überraschung
Dieser erste Reisetag mit der Moto Guzzi Stelvio Duecento Tributo fühlt sich an wie ein sanftes Warmwerden. Einfach Straße, Landschaft und dieses angenehme Gefühl, dass der in den vergangenen Tagen doch dichte Job-Alltag bereits hinter der ersten Kurve geblieben ist. Genau so darf eine Motorradtour beginnen.
Unser erster Halt führt uns – nach fantastischer Strecke vorbei an Ötscher und Hochkar und diesmal oberhalb des Gesäuses – zu einer OMV-Tankstelle bei Hall/Admont.
Nun gehören Tankstellen ja normalerweise nicht zu den Orten, über die man schreibt. Diese schon.
Die Betreiber sind superfreundlich. Nach jedem Zubereiten von Leberkässemmerln wischt die Mitarbeiterin kleinste Krümel weg. Überdachte Sitzgelegenheit im Freien. Das WC ist makellos sauber.
Wer viele Stunden im Sattel verbringt, weiß saubere Sanitäranlagen und freundlichen Service besonders zu schätzen. Diese OMV gehört definitiv auf die persönliche Favoritenliste.
So etwas bleibt oft länger in Erinnerung als manches Hotel oder Restaurant. Wobei an diesem Tag alles passt …

Eagle has lifted off
Aus Gerys Fahrersicht: Bei manchen Presseterminen bewegt man das Fahrzeug kurz um den Häuserblock, macht ein Foto und gibt es brav wieder brav zurück. Dieser hier erstreckt sich über mehr als zweitausend Kilometer, von Wien über Südtirol an den Gardasee, über das Stilfser Joch und weitere Südtiroler Pässe wieder retour. Mit der Moto Guzzi Duecento Tributo, die von der ersten Kurve an klargemacht hat, dass sie kein braves Aktenkoffer-Motorrad ist, sondern eine mit Ecken, Charakter und einer gehörigen Portion italienischem Temperament.
Schon der Name verrät, worum es geht: „Duecento“ – zweihundert – feiert die 200-jährige Geschichte des Stilfser Passes, eröffnet 1825, seither Sehnsuchtsort und Prüfstein für alles, was auf zwei Rädern unterwegs ist. Genau 2.758 Exemplare dieser Sonderedition baut Moto Guzzi – exakt so viele Meter, wie der Pass hoch ist. Kein Marketing-Gag von der Stange, sondern ein Detail, das ich als Erstes goutiert habe, noch bevor der Motor überhaupt gelaufen ist.
Unsere Nummer: 401, handgraviert auf der Lenkerbrücke, seitlich dazu die exakten Koordinaten des Passes ins blaue Blech gelasert. Wer auf sowas steht – und ich steh drauf! –, dem geht bei so einem Detail schon vor der ersten Kurve das Herz auf.

Die Moto Guzzi Stelvio Duecento Tributo
Burger statt Experimente
Nach einem langen Tag gibt es für mich ja kaum etwas Schöneres, als in ein Pool oder, noch besser, in einen See oder ins Meer zu tauchen – der herrliche Badesee bei Uttendorf, unserem ersten Abendquartier, ist perfekt!
Wer in der Gegend unterwegs ist, sollte unbedingt „Bei Albert“ einkehren. Die Burger sind jeden Stopp wert, das Personal herzlich und aufmerksam. Unkomplizierte Gastfreundschaft vom Feinsten.
Tour: Mödling – Hafnerberg – Altenmarkt – Scheibbs – Kartause Gaming – Liezen – Gröbming – Radstadt – St. Johann im Pongau – Bruck an der Glocknerstraße – Uttendorf

Badesee in Uttendorf
Der Zwang zur Drehzahl
Aus Gerys Fahrersicht: Der 90-Grad-V2 mit dem schönen Beinamen „Compact Block“ ist kein Motor, der dir alles nachschmeißt, sobald du nur ans Gas denkst. 115 PS klingen auf dem Papier nach Business as usual, aber die Wahrheit ist: Bis rund 4.000, 5.000 Touren tut sich eher gemütlich was, und wer aus Gewohnheit im BMW-Boxer-Stil bei halber Drehzahl dahintuckern will, wird von der Stelvio milde belächelt.
Erst wenn du den Zeigern Beine machst, wacht das Triebwerk richtig auf – dann aber mit einem giftigen, 
Genau das macht (nicht nur) auf den Südtiroler Kehren einen Riesenspaß, weil du ständig im Geschehen bleibst.
Und da kommt auch gleich das Bauteil ins Spiel, das mich diese ganze Woche über nicht mehr losgelassen hat: der bidirektionale Quickshifter. Der schaltet so butterweich hoch und runter, dass du ernsthaft glauben könntest, du sitzt auf einer Automatik. Kein Ruckeln, kein Nachlassen, im Antritt, einfach nur ein sanftes „Klack“ und der nächste Gang ist drin. Im Vergleich zu den Topmodellen der Konkurrenz – und ich bin da einige gefahren – gehört diese Abstimmung zum Besten, das ich in dieser Klasse bisher unter dem Stiefel hatte. Sowas macht süchtig.
Kurve, Kulissen und eine Erkenntnis
Über den Felbertauern geht es Richtung Lienz, weiter nach Sillian und vorbei am traumhaften Toblacher See und spätestens in Cortina d’Ampezzo beginnt das große Kino der Dolomiten. Gewaltige Felswände, die sich in den Himmel recken, hinter jeder Kurve eröffnet sich das nächste Postkartenmotiv (wer das nicht mehr kennt: das analoge Pendant zur Instagram-Story).
Der Passo di Giau gehört nicht ohne Grund zu den schönsten Pässen Italiens. Kurve reiht sich an Kurve, die Ausblicke werden immer spektakulärer, und ich genieße jeden einzelnen Kilometer. Bis uns plötzlich ein kleiner Zwischenfall erheitert.
Vor uns zischt ein Auto auf einen Ausweichplatz. Die Tür fliegt auf, und ein Kind reihert in malerisch hohem Bogen heraus.
Mein erster Gedanke? Gut, dass ich heute auf dem Motorrad sitze! Im Auto hätte ich vermutlich spätestens in der dritten Spitzkehre selbst nach einem Speibsackerl gefragt.

Trentino von seiner schönsten Seite
Hinter Canale d’Agordo geht es weiter über den Passo San Pellegrino bis nach Moena und hinein ins Trentino, bekannt 
Beeindruckend die Blicke auf den Parco Naturale Paneveggio Pale di San Martino. Schroffe Berge und dieses intensiv-satte Grün, so dass Augen und Geist tief durchatmen, sehr friedlich, sehr beruhigend.
Ich ertappe mich ständig dabei, noch einmal über die Schulter zu schauen.
In diesem Hotel gehören Motorräder zur Familie
Am späten Nachmittag rollen wir in den Hof des Hotel Adria & Resort am Gardasee, auf dem die Motorräder, von Zündapp über Vespa bis Kawasaki und BMW, im Innenhof jedem sofort verraten: Biker sind hier allerherzlichst willkommen.
Liebevoll gepflegt versprüht es den Charme der 70er Jahre und besitzt genau den Charakter, den viele moderne Hotels längst verloren haben. Ein Must Visit für Biker.

Das liegt zum Großteil an Chef Erminio, Hotelier, Musiker, BMW Motorrad-Testfahrer, Humanist & Philanthrop, der seine Gäste persönlich begrüßt und es mit seiner erfrischenden Art schafft, dass sich jeder schon nach wenigen Minuten wie ein Stammgast fühlt.
Was wir längst sind.
Mit der Stelvio erregen wir jedenfalls Aufmerksamkeit, werden sogar fotografiert, denn Kenner wissen: So eine kann nicht jeder fahren, immerhin ist sie ein limitiertes Modell.

Erminio – Hotelier, Musiker, Biker und Philanthrop
Nach der Tour wartet der Pool – perfekter Motorradtag-Ausklang, und danach stellt sich bei einem kühlen Getränk nur mehr die Frage: BMW oder Harley?
Es gibt beides, und zwar als Pizza auf der Speisekarte. Das Hotel demonstriert eben auch kulinarisch seine Bike-Affinität.

Da neue Bekanntschaften zu jeder guten Tour gehören, lernen wir Paul Paton kennen, von Magellan Motorcycle Tours, einem der spannendsten Bikeveranstalter, von Chef Erminio selbst empfohlen. Er ist mit einer zwölfköpfigen Gruppe 
Immer wieder im Fokus: die Stelvio. Kurz darauf treffem wir auf Rita und Valerij und noch bevor der Abend endet, steht der Plan für den nächsten Tag fest: Gemeinsam geht es durch die berühmte Brasa-Schlucht oder auch Strada della Forra, keine halbe Stunde entfernt, in den Fels gesprengt und weltberühmt als Schauplatz einer Verfolgungsjagd aus einem James-Bond-Film.
Ergonomie und Komfort
Aus Gerys Fahrersicht: Eine Woche und mehr als 2.000 Kilometer sind ein ordentlicher Test, und da 
Brasa-Schlucht & fotografisches Versagen
Am nächsten Morgen brechen wir gemeinsam mit Rita und Valerij auf, mit denen es sich vom ersten Kilometer an so anfühlt, als würden wir schon ewig gemeinsam unterwegs sein.
Das Ziel: die spektakuläre Brasa-Schlucht.


Zum Glück waren Rita und Valerij deutlich organisierter und so gibt es am Ende doch Erinnerungen, die zeigen, wie beeindruckend diese Strecke wirklich ist (mehr davon demnächst im Video hier).
Manchmal ist es eben besser, den Moment zu erleben, als ihn perfekt festhalten zu wollen …
Tour 2: Felber Tauern – Lienz – Silian – Toblach See – Cortina d’Ampezzo – Passo die Giao – Selva die Cadore – Alleghe – Cala d’Agordo – San Pellegrino – Moena – Trient – Gardasee/Toscolano Maderno
Tour 3: Toscolano Maderno/Hotel Adria & Resort – Brasa Schlucht – Toscolan Maderno/Hotel Adria & Resort
Wenn der Himmel plötzlich alles gibt
Manche Momente kannst du weder planen noch nachstellen.
Unser Special Effect Day beginnt kurz vor Brescia. Ein schneller Blick aufs Regenradar, eine spontane Routenänderung und die Hoffnung, das tiefviolette kleine Unwetterfleckerl einfach zu umfahren, erweisen sich als netter Versuch.

Böser lila Fleck …
Wir haben das Tempo der Gewitterzelle stark unterschätzt.
Innerhalb weniger Sekunden dreht der Wind auf, eine dichte grauweiße Wand schnellt auf uns zu, Sichtweite knapp zwei Meter, dicke Tropfen schlagen gegen den Helm, verwandeln sich scheinbar in Sekundenbruchteilen in Hagelkörner und wir schaffen es gerade noch, unter das Dach einer Bushaltestelle zu flüchten.
Die leider keine Seitenwände hat, also sind wir dennoch blitzartig bis auf die Haut nass.
So etwas kannte ich bis dato nur aus spektakulären Handyvideos. Als Journalistin hätte ich auch gern gefilmt. Aber das Smartphone überhaupt aus der Jacke zu befreien war unmöglich.
Knapp zehn Minuten später ist der Spuk vorbei, zurück bleiben Hagelkornhaufen und überflutete

Da war das Gröbste schon vorbei und die Sicht wieder „gut“.
Straßen als Beweis, während die Sonne strahlt, als wäre nie etwas passiert. Rasch klettert die Temperatur wieder auf 25 Grad und wir sind wieder im Trockenen – nicht nur dank Fahrtwind, sondern auch Sitz- und Griffheizung.
Schön warm
Aus Gerys Fahrersicht: Beheizte Griffe und Sitzbank für Fahrer und Sozia gehören zur Serienausstattung, und wer schon einmal um sechs Uhr früh mit kalten Fingern und einem noch kälteren Hintern losfahren musste oder nach einem Hagelsturm trocknen musste, weiß das ganz besonders zu schätzen.
Bergamo bleibt auf der Wunschliste
Über Chiari geht es weiter Richtung Bergamo. Für einen ausführlichen Besuch der alten Oberstadt (Città Alta), die eindrucksvoll über der modernen Stadt thront, reicht die Zeit diesmal nicht. Die imposanten venezianischen Mauern zählen jedenfalls zum UNESCO Weltkulturerbe und locken zu einem längeren Aufenthalt.
Hier kommen wir wieder her.
Vielleicht, wenn wir das nächste Mal zum Moto Guzzi Museum in Mandello del Lario fahren. Dass es wegen Umbauarbeiten bis September geschlossen ist, wussten wir, wollten unser Glück dennoch versuchen. Nach dem Motto „emozione e motore e moto guzzi“ haben wir auf einen begeisterten Portier oder leidenschaftlichen Arbeiter gehofft.
Vielleicht kennt ihr dieses kleine Fuzzerl Hoffnung, das sagt: „Probier’s einfach.“
Haben wir.
Das Ergebnis ist lediglich ein Foto vor einer verschlossenen Tür, aber nanchmal gehört auch das zu einer Reisegeschichte.

Das einzig erlaubte Moto Guzzi Motov: das „Hintertürl“ der Fabrik
Tunnel, Tunnel, Tunnel
Entlang des Comer Sees und später Richtung Lecco befahren wir Italien einmal von einer ganz anderen Seite. Statt spektakulärer Kurven dominieren Bundesstraße, Verkehr und unzählige Tunnel.

Valtellina (das Veltlin) zählt zu den bekanntesten Weinbaugebieten Norditaliens, vor allem die charaktervollen Rotweine aus der Nebbiolo-Traube genießen einen hervorragenden Ruf. Dazu kommen bodenständige Küche, kleine Ortschaften und diese angenehme Gelassenheit, die du in vielen italienischen Bergregionen spürst.
Am Abend erreichen wir Bormio. Unser geschmackvoll renoviertes Quartier, das Hotel Nevada, zeigt sich von der besten Biker-Seite.
- kostenlose Garage für Biker
- Wellness-Bereich
- ideale Lage für Touren rund um Bormio und den Stilfserjoch Nationalpark

- fantastisches Frühstück
- die zwei Samojeden, flauschig-weiße Hunde, die inoffizielle Maskottchen des tierfreundlichen Hotels sind

Technische Daten Moto Guzzi Stelvio Duecento Tributo
| Motor | Flüssigkeitsgekühlter 90°-V2 „Compact Block“, längs eingebaut, 4 Ventile/Zylinder |
| Hubraum | 1042 cm³ (Bohrung 96 mm x Hub 72 mm) |
| Leistung | 85 kW / 115 PS bei 8700/min |
| Drehmoment | 105 Nm bei 6750/min (90 % bereits ab 3000/min) |
| Kraftübertragung | 6-Gang-Getriebe, Kardanantrieb, Up/Down-Quickshifter |
| Fahrwerk vorn | 46-mm-USD-Gabel, einstellbar |
| Fahrwerk hinten | Monoshock, einstellbar, Einarmschwinge links |
| Bremsen vorn | Brembo-Doppelscheibe, 320 mm, radial |
| Reifen | 120/70-19 vorn / 170/60-17 hinten |
| Tankinhalt | 21 Liter |
| Verbrauch | ca. 5,1 l/100 km |
| Spitze | ca. 230 km/h |
| Sonderedition | 2758 nummerierte Exemplare (= Scheitelhöhe Stilfser Joch) |
| Preis | ab 18.799 Euro |

Mein Sozia Fazit nach halber Strecke
Ich sitz gut und bequem auf der Stelvio, lediglich wenn sich uns eine Unebenheit in den Weg stellt, ist es vorteilhaft, den Kontakt zur ansonst kommoden Rückenlehne zu unterlassen und besser an den Fahrer zu rücken.
Vor dieser Reise hätte ich gedacht, dass mir vor allem die spektakulären Pässe in Erinnerung bleiben. Nun weiß ich: Manchmal sind es auch Tankstellen, Gewitter, eine verschlossene Museumstür oder zwei Samojeden.
Jedenfalls freue ich mich schon auf morgen. Denn morgen wartet eine Straße, die Motorradfahrer auf der ganzen Welt kennen: das Stilfser Joch aka Passo di Stelvio. Namensgeberin unseres Testbikes.
Fortsetzung folgt …














